– zu Teilleistungsschwächen

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Was sind Teilleistungsschwächen?

Definition: Unter Teilleistungsschwächen versteht man Leistungsdefizite in begrenzten Teilbereichen wie Rechnen, Lesen, Rechtschreiben, Sprechen oder Motorik bei hinreichender Intelligenz, ausrei- chender Förderung, sowie körperlicher und seelischer Gesundheit. Diese Schwächen können die Schulleistungen beeinträchtigen, sodass Betroffene unter Umständen ihr Potential nicht ausschöp- fen können. Die Probleme können bis in das Erwachsenenalter anhalten.

Klassifikation nach ICD 10 = F81 = Umschriebene Störungen schulischer Fertigkeiten
F81.0 Lese-Rechtschreibsötrung
F81.1 isolierte Rechtschreibstörung
F81.2 Rechenstörung
F81.3 kombinierte Störung schulischer Fähigkeiten
Erklärungen und Definitionen zur ICD 10 sehen Sie unter:   www.dimdi.de

Artikel zur SeHT-Fachtagung in Bad Honnef im Generalanzeiger Bonn:
Kampf gegen das tägliche Scheitern
Von Gabriela Quarg –

BAD HONNEF.  Sie möchten alles richtig machen und scheitern dennoch: sei es in der Schule oder im Zusammenleben mit anderen. Wer unter Teilleistungsschwächen oder der Aufmerksamkeits- störung ADHS leidet, hat es nicht leicht. Im Katholisch Sozialen Institut (KSI) in Bad Honnef findet am Wochenende zu diesem Thema eine Fachtagung der Bundesvereinigung Selbstständigkeitshilfe bei Teilleistungsschwächen (SeHT) statt.
Rund 100 Teilnehmer beraten, wie Betroffenen ein erfolgreicher Einstieg in das Berufsleben gelingen kann. Mit dem Vorsitzenden Jürgen Hermans sprach Gabriela Quarg.
Was versteht man unter Teilleistungsstörungen?
Jürgen Hermans: Alles was wir tun, stellt eine Leistung dar. Dabei wird oft vergessen, dass jede dieser Leistungen in diverse Teilleistungen unterteilt ist. Alle Nervenzellen müssen in der „richtigen“ Abfolge funktionieren und die Information weitergeben. Ist eine Stelle innerhalb des Neuronennetzes gestört, kommt es zu einer Schwächung der Leistung. Der sichtbare Ausdruck ist dann beispiels- weise eine motorische Schwäche, eine Lese-Rechtschreibschwäche oder eine Schwäche in der Verarbeitung von Gehörtem. Sie führt zu Frustration beim Betroffenen, zur Verzweiflung bei Eltern und Lehrern sowie zu Missverständnissen in der Umwelt des Betroffenen.
Gibt es Zahlen, wie viele Menschen betroffen sind?
Hermans: Genaue Zahlen gibt es nicht. Da Schwäche als etwas angesehen wird, was ausgebügelt werden kann, landen viele bei Lern-, Ergo-, Moto- oder Physiotherapeuten, die keine Zahlen ihrer Patienten liefern. Man kann jedoch davon ausgehen, dass die Zahl der betroffenen Menschen recht hoch ist.
Was für Probleme bringen Teilleistungsstörungen mit sich?
Hermans: Das Hauptproblem liegt in der Fremd- und Eigenbewertung innerhalb des täglichen Lebens. Kinder, die ständig scheitern – sei es in der Impulskontrolle, beim Lesen, Schreiben, Rechnen oder den sozialen Fähigkeiten -, fühlen sich früh gedemütigt. Sie versuchen, alles richtig zu machen und bekommen dennoch immer wieder zu hören „falsch“. Niemand erkennt, welche Leistung dahinter steckt, wenn ein lese-rechtschreibschwaches Kind in einem Diktat nur noch 39 statt 54 Fehler gemacht hat. Der Verlust von Selbstwertgefühl und Selbstachtung ist das größte Problem.
Ist ADHS eine Erkrankung, die einen ein Leben lang begleitet?
Hermans: Ein von ADHS betroffener Mensch bleibt sein Leben lang von ADHS betroffen. Im Laufe des Lebens lernt er aber, da er meistens mit einer guten Intelligenz gesegnet ist, sich mittels Tricks und Erfahrungswissen als weniger angreifbar darzustellen.
Können betroffene Kinder dennoch einen qualifizierten Schulabschluss schaffen?
Hermans: Ja, sofern das elterliche, schulische und therapeutische Umfeld die Besonderheit gesehen, akzeptiert und in die Lernschritte einberechnet hat.
Vor welchen Problemen stehen betroffene junge Erwachsene nach der Schulzeit?
Hermans: Nach der Schule fällt ein Teil der Betroffenen in ein „Loch“, das aus dem Verlust der bisherigen schulischen Sicherheit und der Unsicherheit vor dem, was da kommen kann, besteht. Sie wissen, dass sie manches können, bei anderem Hilfe benötigen, und es fällt ihnen nicht immer leicht, diese Schwäche anzugeben oder auch zu formulieren, welche Hilfen sie benötigen. Da das Ende der Schulzeit oft noch von den Ausläufern der Pubertät begleitet wird, kann diese Phase sehr schwierig sein.
Wie reagieren potenzielle Arbeitgeber, wenn sie mit der Diagnose ADHS konfrontiert werden?
Hermans: Heutzutage ist ADHS in aller Munde – und das leider nicht allzu oft im positiven Sinne. Viele Menschen verbinden mit dieser „Diagnose“ unbeherrschtes, aggressives, unsoziales Verhalten und geringe Leistungsbereitschaft. Da diese Vorstellungen sehr oft nicht mit der Realität übereinstimmen, empfiehlt es sich, die individuell vorliegende Ausprägung des ADHS darzustellen und zu erläutern. Viele Arbeitgeber reagieren ausgesprochen positiv, da sie dann die positiven Seiten eines ADHS erkennen können: Leistungsbereitschaft, ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden und Loyalität zum Beispiel.
Wie kann die Bundesvereinigung SeHT Betroffenen helfen?
Hermans: SeHT geht davon aus, dass teilleistungsschwache Menschen per Definition auch teil- leistungsstark sind. Sie müssen nur herausfinden, wo diese Stärken liegen. SeHT arbeitet seit 30 Jahren daran, die Potenziale und Ressourcen Betroffener deutlich zu machen, den Einzelnen aus seiner Negativspirale der eigenen Einschätzung heraus zu holen und gemeinsam mit anderen an einem selbstständigen Leben für jeden Einzelnen zu feilen. Unser Alleinstellungsmerkmal ist das familiäre Setting aller Bemühungen und Angebote. Alle Treffen, Kurse, Ausflüge, Tagungen und Schulungen werden vom Geist des Willkommenseins getragen.
Artikel vom 02.10.2015
Fachtagung in Bad Honnef: Kampf gegen das tägliche Scheitern | General-Anzeiger-Bonn – Lesen Sie mehr auf:  Artikel-Link:   „Kampf gegen das tägliche Scheitern“